Die Sehnsucht nach dem Mensch-sein – eine astrologische Adventsgeschichte

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Der Mensch vergisst leicht, wo er herkommt und wo er am Schluss wieder hingeht. Vielleicht liegt es an unserer Art, die sich schnell vom noch geerdeten Krabbelkind zum gehenden Menschen entwickelt. Ab da an trachten wir nämlich danach, unseren Kopf hoch gen Himmel zu strecken und unseren Geist wachsen zu lassen. Nun gibt es natürlich Unterschiede im Grad dieser Entwicklung, die Grundintension ist aber bei allen menschlichen Wesen enthalten. Das Streben nach Unabhängigkeit, Individualität, Genialität und Einzigartigkeit. Jene, die es sich nicht eingestehen wollen oder vielleicht den Aufwand scheuen, projizieren diese Kraft auf andere und können diese Eigenschaften dann dort entweder bewundern oder verteufeln. Dass wir zu diesen Projektionen überhaupt in der Lage sind, ist wohl unsere wahre Genialität. In der geistigen Entwicklung eröffnet sich dem Mensch das Universum. In diesem geistigen Universum befinden sich all seine Erfindungen; Kunst, Film, Musik, Technologie – der Mensch präsentiert den Anderen seine Sicht der Welt. Aber auch die Erfindung der Schrift, das Fernsehen und auch das Internet sind darin zu finden. In diesem vom Kollektiv geschaffenen Universum tummeln sich menschliche Ausdrucksformen mit denen wir versuchen, uns gegenseitig in unserer Wahrnehmung zu prägen. Aber was nützt all diese Innovation, wenn sie die Menschen nicht erreicht? Ein grosses Ziel ist also die Vernetzung.

Die Herausforderung des Gleichgewichts

Die Erde, die Natur – also der Ort wie wir herkommen – ist in irgendeiner Form immer von unserem Innovationsstreben betroffen und es geht gut aus, wenn wir den Gedanken des Gleichgewichts im Auge behalten. Ansonsten kennt die Natur Wege, um uns schmerzhaft daran zu erinnern. Nicht erst durch die Digitalisierung versucht der Mensch erneut, sich von irdischen Gesetzmässigkeiten zu lösen. Das aktuelle Zeitgeschehen wird nur gerade dominiert davon: rasante Entwicklungen und schier unerschöpfliche Möglichkeiten machen dieses Vernetzungsinstrument nach wie vor ungeheuer attraktiv. Das erklärt auch die Omnipräsenz der Zugangswerkzeuge in der physischen Welt: wie zum Beispiel Handys, die an öffentlichen Plätzen wie in privaten Räumen die Konzentration ihres Nutzers komplett absorbieren. Diese digitale Parallelwelt reisst alles Menschliche in seinen Bann, auch die zwischenmenschliche Ebene. Gleichgesinnte finden sich, übereinstimmende Wahrnehmungen bestärken sich, gegensätzliche Standpunkte bekämpfen sich. Dieser menschgemachte Kosmos scheint uns gerade alles zu geben, was wir brauchen. Doch immer deutlicher werden die Risse im digitalen Paradies.

Als die neue Welt in unsere alte Welt eindrang

Als Astrologin interessiert mich einerseits, wo die Symbolik für diese digitale Welt im Horoskop liegt und andererseits, in welche Richtung sich solche Trends entwickeln. Dazu geben die sogenannten mundanen Planetenzyklen grosszügig Auskunft. Die Geschichte des Internet beginnt bereits am 29. Oktober 1969. Als Vernetzungsinstrument innerhalb der Universitäten und Forschungsinstituten entsteht der Vorläufer Arpanet. 1990 beschliesst die US National Science Foundation das Internet aus den Universitäten für jedermann zu öffnen und zugänglich zu machen. Der beschleunigende Kick entsteht später, 1993 kann man mit dem kostenlosen Webbrowser Mosaic erstmals grafische Inhalte sichtbar machen. Verfolgt man diese Entwicklungen nun am Firnament, stösst man zwischen 1966 und 1968 auf die wichtigen Begegnungen zwischen Uranus und Pluto in Jungfrau. Der Zyklus zwischen diesen Planeten dauert 255 Jahre und stellt im astrologischen Gesamtbild sozusagen die Bühnenszenerie über mehr als zehn Generationen. Die „Dekoration“ dieser Szenerie bringt das Zeichen Jungfrau. Es geht um das Verarbeiten dessen, was Mutter Natur uns ermöglicht und liefert. Der Zugang zu unserem Geborgensein und zu unseren grundlegenden Bedürfnissen als Menschen und insgesamt Themen der Sicherheit, Vorsicht und Vorsorge. Und in der Jungfrau suchen wir unseren Platz als nützliches Mitglied in der Gemeinschaft. Uranus steht für Technologien, Innovationen und Progressionen, die Gangart ist plötzlich und unmittelbar. Pluto repräsentiert Macht- und Ohnmachtsprozesse, Symbiosen und Abhängigkeiten sowie Zerstörungskraft und Regeneration. Bei ihm geschieht vieles im Verborgenen, doch wenn es an die Oberfläche bricht, ist seine Präsenz überwältigend. Kombiniert man nun all diese Symbole, dann offenbaren sich zahlreiche unserer aktuellen Baustellen im Umwelt- und Klimaschutz, Sicherheitslücken im Internet und all die Abhängigkeiten, in die wir uns freiwillig begeben. Das Internet als Alltagsinnovation und Lebensverwandler erscheinen im positiven Sinn, grosse Umbrüche in den Sozialversicherungssystemen machen Anlass zur Sorge. Ja sogar das Flüchtlingsthema klingt an, weil damit Menschen ihr Recht auf ein menschenwürdiges Dasein und einen Platz in der Gemeinschaft verlangen.

Der Blick zurück wurde lange vermieden

Die erste Welt und mit ihr die Elite in den Schwellenländern der zweiten Welt streben mit grossen Schritten voran. Auf der Strecke bleiben die Völker aus der zweiten und dritten Welt, sie werden entweder für die Zwecke der Gewinnmaximierung eingespannt oder aufgrund fehlenden Potentials komplett vergessen. Jenem, der fähig ist, sich selbst zu helfen und unabhängig zu sein, stehen scheinbar alle Türen offen. Das gelingt, wenn das Gleichgewicht und gleiche Rechte gewahrt bleiben und es nicht zu und her geht wie im Raubtierkäfig. Denn die Schwachen sehen den Gierigen nur eine Zeitlang zu, irgendwann setzt der eigene Überlebenstrieb ein. Und der verlangt im Minimum ein Umfeld von Möglichkeiten zum Leben. Um es auf die mythologische Ebene zu heben: Uranus konnte seine verrückten Ideen auch nur realisieren, weil ihm Gaia (Erde) diese Möglichkeiten bot. Doch eines Tages hatte sie genug und eroberte sich ihre Macht zurück. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute. Die Erde, als Symbol für alles was sich sichtbar manifestiert, ist in Aufruhr, die Kräfte mobilisieren sich, um dieses übermächtige einseitige Vorwärtsstreben zu kastrieren. Gaia mobilisierte dazu in der Mythologie ihren Sohn Saturn (Kronos). Dieser repräsentiert in unserer heutigen Welt die messbare Zeit, gesellschaftliche Strukturen, Führungsfiguren in Politik und Wirtschaft sowie die Landwirtschaft. Diese Bereiche erstarken also in dieser Grundmotivation und was sehen wir? Populistische Tendenzen, Machtdemonstrationen, Brexit Ablösungsprozesse aber auch Klimaextreme und Naturkatastrophen. Alles in allem sind es viele negative Antworten auf das grosse Streben im Vorfeld. Der Blick zurück auf die Erde und auf die unzufriedenen Menschen weltweit wurde zu lange gemieden.

1993 folgte der digitale Kickdown

Im Jahr 1993 begegneten sich Neptun und Uranus. Auch dieser Zyklus wird 201 Jahre dauern. Neptun bringt dabei die Themen der Vision, Sehnsucht, Medialität und der Ganzheitlichkeit mit ein. Im kommenden Jahr treffen sich die beiden im kritischen Halbquadrat. Das bedeutet, dass wir 2019 erneut mit ihren Themen konfrontiert werden. Die Uranus Entsprechungen habe ich bereits erwähnt, Neptun steht für die grosse Vision des frei verfügbaren Wissens sowie die unmittelbare Erreichbarkeit und Vernetzungsmöglichkeit mit jedem Internetnutzer auf diesem Planeten. Auch gibt es diesen Starmodus in der Neptun Qualität: dieser erhebt das Internet als neue Bühne für die Sehnsucht nach Beliebtheit und Verbundenheit. Die Konjunktion fand 1993 im Zeichen Wassermann statt. Hier herrscht Uranus persönlich und rückte daher auch in der Anfangsphase gegenüber Neptun in den Vordergrund. Im Wassermann geht es um die Distanz und den grossen Überblick. Neptun als Entsprechung für die Verbundenheit unter den Menschen wurde da mitgehypt, aber auch übertölpelt. Wir wurden eher mitgerissen von diesem attraktiven neuen Medium und hecheln seither jedem Trend hinterher. Es gibt auch viel Positives zu vermelden, das Internet als Zugang zu Bildung ist ein fantastisches Instrument. Doch aktuell überwiegen die Schattenseiten, wie zum Beispiel die Opfer im lokalen Detailhandel angesichts der Internetkonkurrenz, die Entsolidarisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft, die Lecks  in der digitalen Welt und deren hemmungslose Ausbeutung. Auch viele humanistische Werte wurden im grossen Hype der alles überrollenden Entwicklung geopfert. Das Jahr 2019 weist nun aber auf eine Erstarkung von Neptun hin, da sind Korrekturen angebracht. Die grosse Internetvision ist wohl bereits geboren und zu weiten Teilen realisiert, aber ihr Nutzen für die Menschheit bedarf doch noch einiger Feinabstimmungen. Wenn Neptun zornig wird, tobt der Sturm auf dem Meer. Die Flüchtlingswelle ist damit unsere direkte Konfrontation im Thema Humanismus und appelliert eindringlich an unsere Solidarität. Die digitale Vernetzung bedeutet eben auch, dass die Armen immer mehr in das Leben der Reichen einsehen können. Ihre Unzufriedenheit, mit der persönlichen Benachteiligung und die Aussicht auf ein Stück vom Kuchen, bewegt sie zum Handeln. Die westliche Welt sieht sich mit zahlreichen Ansprüchen auf elementarster Ebene konfrontiert. Dazu gehören das Recht auf Entwicklung, Bildung, Chancen. Doch viele Menschen haben sich schon soweit weg vom Thema der Solidarität entwickelt, dass sie ganz entrüstet auf diese Ansprüche reagieren.

Wie zeigt sich das auf der persönlichen Ebene?

Auf der persönlich erlebbaren Ebene habe ich kürzlich ein passendes  Erlebnis gehabt. Ich sass mit meiner Astrologiefreundin im Bus zum HB Bern und wir wurden von zwei jungen Männern Mitte 20 angesprochen. Sie erzählten, wie frustrierend die Vereinzelung im öffentlichen Raum sei. Man finde kaum mehr spontan ins Gespräch unter Fremden und sie fragten sich, wie sie das ändern könnten. Wir haben sie ermutigt, es einfach ZU TUN. Genauso kann sich der zwischenmenschliche Kontakt wieder neu beleben. Denn in allen Trendforschungen bleibt der Mensch die grosse Unbekannte. Seine Bedürfnisse haben die Macht, jeden Trend zu untergraben. Seine Sehnsüchte sind mächtiger als jede Strategie. Neptun symbolisiert genau diese kollektive menschliche Kraft, hier sind unsere Visionen von Verbundenheit zu Hause. Ob das nun der spontane Kontakt auf der Strasse ist, Solidarität zum Mitmenschen, mehr Rücksichtsnahme auf unsere Umwelt oder eine gerechtere Chancenverteilung auf dieser Erde – 2019 wird uns auf jeden Fall unser Menschsein in Erinnerung rufen. Ich wünsche Euch von Herzen, dass ihr Euch darauf einlassen könnt.

 

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