Altneuland Tel Aviv

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Wie wunderbar – ich durfte wieder mal verreisen 😉 Ein Kurztrip nach Tel Aviv in Israel – die junge Trendstadt im Nahen Osten. Die Stadt wurde im Bauhaus Stil errichtet und steht damit unter UNESCO Weltkulturerbe. Schon im Vorfeld erntete ich kritische Voten für dieses Reiseziel. Der touristische Besuch von Israel hat den Geruch eines weltpolitischen Statements. Political Correctness und Gewissensfragen zeigten sich im kollektiven Nasenrümpfen. Dazu hat Tel Aviv sich im ständigen Nahostkonflikt auch einen gefahrversprechenden Namen in den Köpfen gemacht, der ihm nach wie vor anhaftet.

Beim näheren Hinschauen wird einem jedoch schnell klar: Tel Aviv ist heute überall auf der Welt. Kann ich noch mit gutem Gewissen nach Amerika reisen und die Trump-Regierung damit quasi gutheissen? Kann ich noch eine China-Rundreise realisieren im Angesicht von unablässigen Menschenrechtsverletzungen? Darf ich überhaupt noch reisen? Auch die Gefahr eines Attentats ist längst nicht mehr dem Brandherd Nahost vorbehalten, sondern hat sich epidemisch ausgeweitet und trifft inzwischen Europa mitten ins Herz seiner Metropolen.

Die Menschen in Tel Aviv haben eine lange Erfahrungszeit mit dieser Form der unsichtbaren und konstanten Bedrohung. Und davon kann man als Reisender etwas Wesentliches lernen.

Wenn die Gefahr in Form des Fundamentalen, Unkontrollierbaren erscheint, reagiert der Mensch aus seinem Grundnaturell heraus auf diese Bedrohungssituation. Feuertypen reagieren auf Bedrohung mit Kampfwillen, hitzigen Voten bis zu Hasstiraden. Sie fühlen sich herausgefordert, wollen abwehren und gegen das Übel ankämpfen. Unsichtbare Gegner sind dabei ein Erschwernis und verstärken das Ohnmachtsgefühl. Erdtypen realiseren vor allem den Kontroll- und Sicherheitsverlust und reagieren mit Angst und Abriegelung. Sie können sich davon auch körperlich gelähmt fühlen und leiden sehr unter diesem Angriff auf ihr Territorium. Wassertypen erleben Bedrohungen als einen Vertrauensverlust gegenüber der menschlichen Art. Sie fühlen die Enttäuschung und ein grosses Unverständnis über diese unmenschlichen Aktionen und geraten in Konflikt und Zweifel mit ihrem humanistischen Weltbild. Sie appellieren an den Frieden und suchen den Schalter zur Versöhnung. Der Lufttyp verfügt über die Gabe der Rationalisierung, Idealisierung und Abstraktion. Das kann ihm helfen, sich diese Bedrohung vom Leib zu erklären, reden, schreiben, denken, idealisieren. Er gerät bei Bedrohungen in Bewegung und versucht sich auf irgendeine Art in Distanz zu bringen.

Abgesehen von diesen Abwehrmustern sind alle gleich gefordert: Um in der heutigen Zeit unser Seenlenheil in den Griff zu bekommen, müssen wir vermehrt unsere Wahrnehmung kontrollieren.  Sicherheit und Kontrolle im Aussen werden in diesen Zeiten als Illusion entlarvt. Wir sind als Individuen in einer Gesellschaft aber konditioniert, uns auf die Versprechungen von Systemen wie Regierungen und Sicherheitsapparte zu verlassen.

Durch den Verlust dieser vermeintlichen Stützen im Aussen kommt daher zuerst die Angst. Angst ist eine überaus lähmende Energie, jedoch hat auch sie ihre Funktion in diesem Umkehrprozess. Durch die Angst werde ich zum Innehalten gezwungen und Innehalten bedeutet auch Selbstwahrnehmung. Und genau in dieser Selbstwahrnehmung befinden wir uns mitten im JETZT. Das Jetzt ist der schöpferischste Moment für jedes Individuum. Im Jetzt ist das „Machen“ zu Hause, und nur im Machen erfahren wir uns als wahrhaft mächtig. Nicht die Macht über Andere, sondern die Macht über uns selbst, hat das Potential unsere Angst zu besiegen.

Tel Aviv bedeutet „das Alte Neue“ und liegt damit zwischen Vergangenheit und Zukunft mitten im JETZT. Mitten in einer der konfliktbeladensten Region der Welt wird diese Lektion gelehrt: Im Ortsteil Jaffa erzählt mir der üppige Flohmarkt von alten Dingen und Zeiten, von einstigen Lebensstilen und dem Wert des Vergangenen. Und mitten heraus wuchert  jene Schöpfungskraft, die das Neue erschafft. Menschen, die draussen das Leben zelebrieren und geniessen, Freundschaften unter Arabern und Juden, eine Allgegenwärtigkeit von Humor und Schalk, junge Menschen bei ihrer neuen Form der Arbeit am Laptop in angenehmer Caféhaus Atmosphäre. Menschliche Kreativität  zeigt sich in originellen Garageläden, liebevoll Selbstgemachtem, wundersamen Elektroinstallationen, hippen Designern, starkem sportlichen Bewegungsdrang in allen Variationen. In Tel Aviv herrscht ein spürbares Bewusstsein für den Wert von Frieden und Lebensfreude.

Als dezente Tapete für diese Kreativität dient die Schlichtheit der Architektur. Tel Aviv ist als Stadt mit modernen Hochbauten und viel Beton kein Hingucker, aber als Hintergrundkulisse genau so farblos, dass die Menschen umso bunter daraus hervorstechen.

Tel Aviv ist Altneuland. Tel Aviv ist das Schulzimmer des JETZT. Erschaff auch Du Dir ein friedliches Leben: Shalom.

 

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